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Interviews > Sissy Raith, September 2004

Die Rückrunde ist der Maßstab der Zukunft

Sissy Raith ist eine der erfolgreichsten Fußballerinnen Deutschlands: Die zweifache Europameisterin und sechsmalige deutsche Meisterin übernahm Anfang 2004 das Traineramt beim Bundesligisten FC Bayern München. "die elf" sprach mit Ihr über ihre Arbeit als Trainerin und ihre Spielerinnen.

Nach der Übernahme des Teams Anfang 2004 hast Du das Team aus der Abstiegsgefahr auf Rang Fünf geführt. Was führte zu dieser Leistungssteigerung?
Das ist nicht in ein paar Worte zu fassen. Zunächst musste ich das Selbstvertrauen zurückgeben und die Freude am Fußball wieder wecken. Schon kleine Erfolgserlebnisse im Training loben und honorieren waren dabei erste Schritte. Hinzu kamen die guten Ergebnisse in den Spielen, was die Sache einfacher machte. Erforderlich und erfolgreich waren auch einige Umstellungen: Wir mussten einfach zu viele Tore hinnehmen, daher trainierten wir intensiv unser Abwehrverhalten. Mit Janine Parztsch und Carmen Roth formierte sich in der Rückrunde eine souveräne Innenverteidigung. Dabei spielten beide in der Hinrunde nicht oft bzw. in der 2. Mannschaft. Sehr wichtig war auch, dass Sonja Spieler nun defensiver agierte und mit Sandra de Pol die Flügel sehr gut abdeckte. So bauten wir ein 4-5-1 System auf, das insbesondere im Defensivbereich mit einer sehr geschlossenen Mannschaftsleistung die Erfolge möglich machten. Dadurch sind wir flexibler und üben somit früher Drück auf den Gegner aus.

Hast Du Deinen Trainerschein als sehr erfolgreiche Nationalspielerin wie Jürgen Klinsmann in einem Schnell-Lehrgang gemacht?
Nein. Dieser Lehrgang war eine von Berti Vogts damals durchgeboxte, einmalige Maßname. Ich habe das komplette Programm wie jeder andere bis zur A-Lizenz absolviert. Allerdings gab es keine Wartezeit für Lehrgänge, das war der einzige Vorteil als ehemalige Nationalspielerin.

Gibt es einen Austausch mit anderen FCB-Trainern?
Da wir nun ständig in Aschheim trainieren, ist die Bindung zur Säbenerstraße eher weniger gegeben. Wenn aber Gelegenheit ist, tausche ich mich vor Allem mit den anderen Jugendtrainern und selbstverständlich mit Rudi Läng, dem Trainer der ersten Mannschaft des 1. FC Aschheim aus.

Aschheim ist die neue Heimat: Wie sind dort die Trainingsbedingungen?
Die sind überragend. Ich habe schon viel in meiner Karriere gesehen, aber in Aschheim ist es nun wirklich perfekt. Wir haben einen eigenen Trainingsplatz, eine eigene Kabine. Hinzu kommt ein eigener Raum, in dem wir unsere Sachen deponieren können. Also eine echte Heimat.

Hinter dem Aschheimer Trainingsgelände gibt es einen Hochseilgarten und eine Wakeboard-Analage. Habt Ihr das zur Trainingsabwechslung ausprobiert?
Bisher noch nicht, aber der Besuch im Hochseilgarten ist fest geplant. Es gibt noch Details zu klären, da dort verschiedene Herausforderungen angeboten werden. Mal sehen, ob ich das selber mit meiner Höhenangst schaffe. Wobei wir in dieser Vorbereitung auch schon zwei Bergtouren gemacht haben. Und da durfte ich natürlich nicht fehlen.

Das komplette Team ist Dienstags und Freitags zusammen. Im Montag- und Donnerstag-Training fehlen Spielerinnen. Wie kann man diesen Nachteil ausgleichen?
Dieses Problem war früher viel größer. Heute betrifft das mit Birgit Leitner und Sonja Spieler nur zwei Spielerinnen. Das muss die Ausnahme sein, bei beiden verstehe ich aber, dass das nicht anders machbar ist. Beide bekommen von mir die Trainingsschwerpunkte mit zu Ihren Heimatvereinen, bei denen sie Montags und Donnerstags trainieren. Bei Sonja hat sich das sehr gut eingespielt, ihr früherer Trainer ist hier sehr hilfreich. Kerstin Hoffmann ist ein sehr gutes Beispiel, dass sich das beständige Mannschaftstraining lohnt: Nun nimmt sie an der kompletten Vorbereitung teil, während sie letzte Saison viel weniger mit der Mannschaft trainierte. Das bringt ihr sehr viel und unserer Mannschaft natürlich auch. Welch exzellente Fußballerin Kerstin ist, kann man nun auf dem Platz sehen.

Die B-Juniorinnen spielen seit Jahren in der bayerischen Spitze mit. Bisher gelang es aber keiner Ex-B-Juniorin sich in der 1.Mannschaft zu etablieren. Entweder schwere Verletzungen wie bei Claudia Kierner bzw. Mareike Mende oder die 2.Mannschaft waren die Endstation. Woran kann das liegen?
Die Vergangenheit kann ich nicht beurteilen. Aktuell sind Steffi Wiesmann und Vroni Hesse von den Juniorinnen zur 1.Mannschaft gestoßen. Sie werden ihren Platz finden. Zur Juniorinnentrainerin Rosi Bindl habe ich einen sehr engen Kontakt. Bei ihr weis ich unsere Talente sehr gut aufgehoben. Sie und Marina Schnapp kümmern sich nicht nur um die sportlichen Angelegenheiten, sondern auch um Schule, Ausbildung und persönliche Situation. Ich lege sehr viel Wert darauf, dass wir gemeinsam die jungen Spielerinnen weiterbringen und schon früh die Grundlagen legen für ihre Fußballkarriere. Dazu gehört auch, dass die Möglichkeit besteht, bei der 1.Mannschaft mitzutrainieren. Bei der Beurteilung einer Spielerin sind für mich etwa zu 2/3 die Trainingseindrücke und 1/3 die Spieleindrücke entscheidend. Gerne will ich öfter beim Juniorinnen-Training zuschauen. Wobei das aufgrund der Trainingsüberschneidungen mit den unterschiedlichen Orten wie Aschheim und Säbenerstraße nicht immer einfach ist. Aber wenn es irgendwie geht, bin ich auch bei den Juniorinnen vor Ort. Insbesondere dieses Jahr haben wir neun Neuzugänge im Juniorinnenbereich, die alle außergewöhnliche und viel versprechende Talente darstellen. Zudem haben wir für die laufende Vorbereitung sieben Spielerinnen der 2.Mannschaft angeboten, komplett bei der 1.Mannschaft mitzutrainieren. Mit Kathi Krüger, Bianca Eder und Feli Notbom haben drei dieses Angebot angenommen.

Bei Olympia in Athen ist keine FCB-Spielerin dabei. Welche Spielerin könnte den Sprung ins A-Team schaffen?
Kann man so nicht sagen. Wir müssen erstmal erfolgreich in diese Saison starten und sehen, ob wir die Leistungen der Rückrunde bestätigen können. Für eine Berufung ins A-Team muss erst einmal der dortige Bedarf ermittelt werden. Aber wenn jemand...., dann hätten sicher Janine Parztsch und Carmen Roth zumindest eine Lehrgangseinladung verdient. Beide sind noch jung und haben eine überragende Rückserie gespielt.

Welchen Eindruck hat Neuzugang Melanie Fischer bisher gemacht?
Für ihre 18 Jahre spielt Melanie bereits einem sehr hohem Niveau. Wenn gleich da viel Potenzial vorhanden ist. Mit dem nötigen Fleiß, Ehrgeiz und Engagement hat sie gute Chancen für die erste Elf, aber ein Selbstläufer ist die Angelegenheit auch für Melanie nicht. Zum Beispiel ihr linker Fuß und Ihr Kopfballspiel sind noch stark verbesserungsfähig.

Kann der FCB kommende Saison mit Potsdam und Frankfurt mithalten?
Für mich ist das Ziel, das Niveau der Rückrunde zu halten. Der Kader ist knapp besetzt. Wenn, wie erwähnt einige Spielerinnen verletzt ausfallen oder mit Nationalteams unterwegs sind ist die Personalknappheit schnell vorhanden. Zudem haben wir mit Simone Laudehr und Christine Francke zwei sehr gute Spielerinnen verloren. Der aktuelle Kader kann das sicher ausgleichen, um aber ganz oben mitspielen zu können müsste schon alles passen.

Katharina Grießemer wurde in der Sommerpause Vize-Europameisterin. Im November ist die WM in Thailand. Wie stehst du zu dieser Mehrbelastung einer jungen Spielerin.
Katharina hat zum Ende der Rückrunde kaum Spiele über die kompletten 90 Minuten gemacht. Ich wollte sie nicht überfordern. Nach Ende der Rückrunde sollten es wenigstens zwei Wochen Regenerationspause für sie geben, da für Katharina die EM quasi vor der Tür stand. Zur EM fuhr sie als Stammspielerin, saß dort aber auf der Bank und war sehr unglücklich. Nun trainiert sie normal mit, genießt bei mir jedoch eine besondere Aufmerksamkeit. Zwischen psychischer "Bestrafung" und physischer Überforderung entsteht nicht selten ein schmaler Grat. So auch im Fall Katharina Grießemer. Fingerspitzengefühl ist angesagt!!!!

Wer sind die aktuellen Spielführer?
Tanja Wörle ist erste Spielführerin, Pavlina Scasna die Stellvertreterin. Beide habe ich vorgeschlagen, das Team hat entschieden zwischen 1. und 2. Spielführerin. Zudem hat die Mannschaft einen Mannschaftsrat gewählt, in dem Sabine Loderer, Nina Aigner und Sandra de Pol sitzen. Sandra ist zudem als Spielerin mit den meisten Stimmen dritte Spielführerin.

Sozusagen zwei Präsidentinnen und ein gewähltes Parlament?
Kann man so sagen.

Vielen Dank, Sissy. Wir wünschen eine erfolgreiche Saison!


Das Gespräch führte Bernhard Kux.

 

Sissy Raith
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